China

25.9. - 18.11.2013

Statistik China

  1. 54 Tage im Land
  2. 47 Nächte in Hotel
  3. Keine Nächte bei Privat
  4. 7 Nächte im Zelt
  5. 23 Tage im Sattel
  6. 1335 km / 19008 hm
  7. 5 Pannen

46 Stunden im Stink- und Rotzbus

Ich kann es immer noch nicht glauben, dass wir tatsächlich im Bus Richtung Osten sitzen. Oder besser gesagt liegen. Das Gefährt ist mit Liegebetten für 43 Leute ausgestattet. Dreiundvierzig! Zweistöckig, in drei Reihen, ohne Gepäckablage und mit stinkenden Wolldecken. Die Liegen sind gegen das Kopfende nach oben gewölbt - unter diese Wölbung steckt die Sardine hinter einen die Füsse. Die Zwischengänge sind so eng, dass man auch als schmale Person die Schultern abdrehen muss, um durchzukommen. Die rund 50cm breiten Betten sind so kurz, dass sogar ich mit meinen bescheidenen 165 cm auf dem Rücken liegend die Beine nicht strecken kann. Es ist mir ein Rätsel, wie Marcel seine 20cm mehr auf die Pritsche gefaltet kriegt.

Am Anfang kann ich der Situation noch halbwegs Positives abgewinnen. Schliesslich haben wir unsere Kindles mit (Hör-)Büchern gefüttert und finden nun endlich Zeit, diese zu geniessen. Der Bus füllt sich aber immer mehr, bis schliesslich jedes Bett belegt ist. Eine Familie mit einem Kleinkind und einem Baby liegen direkt hinter uns. Die Kleinen verhalten sich zum Glück erstaunlich ruhig. Und als die Mutter 30 cm hinter Marcels Kopf die volle Windel wechselt, schläft dieser tief und fest.

Die Luft im Bus verschlimmert sich von Minute zu Minute. Es hilft auch nicht, dass man nur ganz hinten das Fenster ein klein wenig öffnen kann. Und auch nicht, dass die Fahrer und ein Passagier sich ständig eine Zigarette anzünden. Wir können von Glück reden, dass sich all die anderen Raucher rücksichtsvoller verhalten.

An das restliche Verhalten müssen wir uns erst noch gewöhnen. Die Chinesen rotzen was das Zeug hält und schleudern den hochgezogenen Schleim aus sich raus. Immerhin deponieren sie ihre Sekrete in den Abfalleimern, die in den Gängen stehen. Ich bin ihnen äusserst dankbar für ihre Rücksichtnahme, denn der Bus darf nicht mit Schuhen betreten werden. Dafür muss man aufpassen, dass man mit den Socken nicht auf den Apfelhäuten ausrutscht, die auf dem Boden verstreut liegen.

Auch der Umgang untereinander und mit uns ist gewöhnungsbedürftig. Sie reden meist sehr laut und in unseren Augen aggressiv. Auf uns macht es den Anschein, als ob sie sich ständig zankten oder uns zurechtweisen. Die Fahrer haben auch nach 2 Tagen nicht kapiert, dass wir kein Chinesisch sprechen. Wenn wir zu verstehen geben, dass wir nichts verstehen, lachen sie uns aus. Jedes Mal. Oder ist es ein für uns ungewohntes Verlegenheitslachen wegen der Sprachbarriere? Hauptsache sie haben ihren Spass an dieser Fahrt.

Spass scheint es ihnen auch zu machen, uns zu quälen. Den ganzen ersten Abend warteten wir darauf, dass der Bus zum Abendessen hält. Fehlanzeige. Dann endlich, am Morgen früh um 04:30 Uhr, 16 Stunden nach Abfahrt in Kashgar, halten wir an einer kleinen Garküche. 12 Stunden später gibt es einen weiteren Stopp, und ein letztes Mal um Mitternacht des zweiten Tages.

Die weitaus grössere Qual ist jedoch die Abstände der WC-Stops. Die sind so gross, dass wir mit der Zeit fast nichts mehr trinken. In den zwei Tagen nehmen wir etwa so viel Flüssigkeit zu uns wie sonst an einem Morgen. Dennoch ist meine Blase fast vor dem Zerreissen, als wir 7 Stunden (!) nach der ersten Essenspause endlich wieder anhalten. Meistens hat es keine WC Häuschen, also hocken sich alle neben der Strasse hin. Auch bei den Restaurants. Der Höhepunkt: einmal stapfen wir in der Nacht in ein mit Zeltplane überspanntes Gemäuer. Das Einzige, was man im Dunkeln ausmachen kann, sind die Papierfetzen auf dem Boden und das Leuchten der Handydisplays. Bei den Männern zudem die Glimmstengel. Die Frauen und Männer schnattern fröhlich miteinander, während sie ihr Geschäft erledigen. Wie kriegen sie unter diesen Umständen ihre Mäuler auf?! Der Gestank ist fast nicht zu ertragen. Ebenso wenig der Gedanke, wie der Boden wohl bei Tageslicht aussieht. Nun ist mir auch klar, wieso der Bus nicht mit Schuhen betreten werden darf.

WCs im eigentlichen Sinn gibt es nur zwei Mal auf der gesamten Strecke. Wobei die chinesischen Toiletten für europäische Verhältnisse ziemlich gewöhnungsbedürftig sind. Türen gibt es keine, sondern nur niedrige Trennwände an der Seite. Manchmal fehlen diese auch komplett. Ganz nach dem Motto Gemeinsam kackt es sich schöner. Oder: Einsam pinkeln ist öde. Man hockt sich also unter Beobachtung der Wartenden über eine Rinne und hofft, dass die Spülung nicht genau in dem Moment losgeht. Dann schwemmt es nämlich den ganzen Dreck seit der letzten Reinigung unter einem durch. Das Ziel ist es also, wenn immer möglich die hinterste Nische zu ergattern.

Trotz allem: was auf der ganzen Strecke an unseren Fenstern vorbei zieht, bestätigt uns in unserem Entscheid, diesen Abschnitt der Reise nicht mit dem Rad abzustrampeln. Die Fahrt hat schlussendlich 120 Minuten weniger lang gedauert als erwartet, also nur 46 Stunden. Ein kleiner Trost, aber wenigstens einer.

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