Turkmenistan

13.6. - 17.6.2013

Statistik Turkmenistan

  1. 4 Tage im Land
  2. 1 Nacht in Hotel
  3. 1 Nacht bei Privat
  4. 2 Nächte im Zelt
  5. 4 Tage im Sattel
  6. 377 km / 367 hm
  7. Keine Pannen

Ausgebremst

Nachdem wir uns von Kat und Alex verabschiedet haben, fahren wir auf der Hauptverkehrsachse zwischen dem Iran und Usbekistan Richtung Mary. Aber was hier in Turkmenistan eine Hauptstrasse ist, würde in der Schweiz nicht mal als Feldweg durchgehen. Die Strasse ist von Schlaglöchern übersät und die Suche nach einer fahrrad- und körperschonenden Linie gestaltet sich äusserst schwierig. Kurz vor Mary kommt die Erlösung in Form einer neuen Strasse, welche für den Verkehr noch nicht freigegeben ist. Wir schleichen uns mit dem Pino auf den frischen Teer und geniessen die perfekten Verhältnisse. Dank der neuen Strasse kommen wir gut vorwärts und erreichen Mary noch am selben Abend.

Am nächsten Tag passieren wir kurz nach Mary die Geisterstadt Merv, welche früher eine der grossen Städte der Islamischen Welt war. Traurige Bekanntheit erlangte Merv im Jahr 1221, als Tolui, ein Sohn von Chinggis Khan, die Stadt einnahm und alle Bewohner ermorden lies. Laut Lonely Planet verloren bei diesem Blutbad 300’000 Menschen ihr Leben. Man hört aber auch Zahlen von bis zu einer Million. Uns blieb leider keine Zeit, um diese Geisterstadt zu besichtigen.

Ein paar Kilometer nach Merv erblicken wir plötzlich die ersten wilden Dromedare und fühlen uns ein wenig in die Blütezeit der Seidenstrasse zurückversetzt. Bald aber werden wir durch den aufkommenden Wind wieder zurück in die Realität geholt. Das Vorwärtskommen gestaltet sich zusehends schwieriger, da der Wind in den nächsten zwei Tagen immer mehr zulegt. Wir kommen viel langsamer vorwärts als geplant. Zeitweise kriechen wir noch mit 10 Stundenkilometer durch die Gegend, und dies auf einer absolut flachen Strasse. Zudem bereitet mir vor allem der Wüstensand in der Luft Probleme, da er unter meine Kontaktlinsen gerät und sich dadurch meine Augen entzünden. Ausserdem wird mir durch die Anstrengung in der Hitze übel, so dass wir immer wieder mal Pause machen müssen.

Als der Wind am Nachmittag des vierten Tages nochmals an Kraft zulegt ist uns klar, dass das Abenteuer Wüstenfahrt per Pino nach 380 Kilometern leider vorbei ist und wir die verbleibenden 60km nach Turkmenabat per Lastwagen zurücklegen müssen. Wir haben Glück und schon beim 3. Lastwagen, der anhält, klappt es. Beihram und Azat erklären uns, dass ihr Lastwagen mit Zigaretten für Afghanistan gefüllt ist und deshalb versiegelt sei. Aber in ca. 5 Minuten komme noch ein zweiter Wagen, in welchem wir das Pino verstauen können. Perfekt. Wir laden das Rad schon mal ab und als der zweite Lastwagen eintrifft geht alles ganz schnell. Der Lastwagen hat eine Menge Minaralwasserflaschen geladen. Unser Pino wird darauf verstaut und reist nun bequem auf einem Wasserbett durch Turkmenistan. 

Alena und ich nehmen im Lastwagen von Beihram und Azat Platz. Wobei Platz nehmen wohl das falsch Wort ist. Alena liegt wie ein Klappmesser schräg hinter dem Fahrer, während ich mich wie eine Banane auf dem Vordersitz ohne Lehne krümme, damit ich mit dem Kopf nicht an der Decke anstosse. Alena kramt wie wild in unserem Medikamentenbeutel und sucht unsere Reisekrankheitstabletten. Bis sie diese endlich gefunden hat ist uns beiden schon beinahe übel. Währenddessen haben die beiden Fahrer eine Riesengaudi und freuen sich, dass sie zwei Mitfahrer haben. Der Lastwagen mit dem Pino fährt vor uns her und dies aus gutem Grunde. In Turkmenistan dürfen eigentlich nur 3 Personen in einem Lastwagen sitzen. Da es ab und zu Polizeikontrollen gibt, übernimmt der erste Lastwagen die Aufgabe, die Polizei mit etwas Schmiergeld von uns abzulenken. So passieren wir die Kontrollen problemlos.

Nach kurzer Fahrzeit lädt uns Beihram zu sich nach Hause zum übernachten ein. Wir sind gerührt von dieser Einladung, müssen sie aber auf Grund des ablaufenden Transitvisums ablehnen, da sein zu Hause ca. 35 Kilometer ausserhalb von Turkmenabat liegt und die Strecke zur Grenze am nächsten Tag für uns zu weit würde. Doch Beihram insistiert und erklärt, dass er uns am nächsten Morgen früh zur Grenze fahren werden. Da können wir nicht mehr ablehnen und nehmen die Einladung dankend an. Nie hätten wir geglaubt, dass wir in dieser kurzen Zeit Einblick in das Familienleben der Turkmenen erhalten werden. Für einmal dürfen wir diese Erfahrung machen gerade weil wir nicht mehr mit dem Rad fahren können. 

In Turkemabat kommt dann Hektik auf. Aus Angst vor einem Diebstahl entschliessen sich die beiden Fahrer, den Lastwagen mit der Zigarettenladung auf einem abgesicherten Parkplatz zu lassen. Deshalb organisieren sie für uns einen Kleinbus, welcher uns anschliessend zu ihnen nach Hause fährt. Nach einigem Umbeigen ist alles mehr oder weniger sicher in dem Kleinbus verstaut und auch wir haben noch irgendwie Platz. Doch beim abgesicherten Parkplatz gibt es Probleme. Dieser ist bereits geschlossen. Der Besitzer hat gar keine Freude, dass noch ein Lastwagen auftaucht und öffnet das Tor nur wiederwillig. Zu allem Überfluss fährt Beihram anschliessend mit dem Lastwagen in das Tor und reisst ein Stück davon heraus. Eine wilder Streit zwischen Beihram und dem Besitzer entfacht. Der Kleinbusfahrer gibt uns zu verstehen, dass wir besser im Auto bleiben sollen und wir kriegen nicht genau mit, was da draussen passiert. Für uns ist es eine sehr unangenehme Situation. Wir fühlen uns schuldig, da die beiden ohne ihre Hilfsbereitschaft uns gegenüber gar nie in diese Situation geraten wären. Nach rund 10 Minuten beruhigt sich die Situation und wir fahren nach Sayat, wo wir von Beihrams Familie herzlich empfangen werden. 

Da wir nach 4 Tagen Wüstenfahrt wohl ziemlich übel stinken, wird uns als erstes die Dusche gezeigt. Der Duschraum befindet sich in einem Raum, welcher komplett aus Lehm besteht. Darin ist ein Holzofen platziert, auf welchem das Wasser aufgeheizt wird. Durch den Holzofen fühlt sich der ganze Raum an wie eine Sauna. Zusätzlich gibt es zwei grosse Zuber. Der eine ist mit dem heissen und der andere mit kaltem Wasser gefüllt. Mit einem Gefäss mischt man das Wasser und giesst es sich danach über den Körper. Einfach herrlich. Frisch geduscht geniessen wir das Abendessen auf dem für Zentralasien typischen Holzgestell im Freien, welches mit Teppichen und einem Plastiktischtuch ausgelegt ist. Zusätzlich gab es für mich ein Bier und Vodka. Nach dem Abendessen zeigten Beihram und … mir noch kurz die Stadt. Hier wurde mir klar, dass der Entscheid zum Abbruch definitiv richtig war. Nach wie vor stürmt es wie wild.

Am nächsten Morgen gibt es noch Tee und Frühstück, bevor uns der Fahrer des Kleinbusses bis nach Farap an die Grenze zu Usbekistan bringen wird. Ich will den Fahrer bezahlen, doch Beihram lässt mir keine Chance. Er macht mir ziemlich unmissverständlich klar, dass er dies übernehme und ich ja nicht auf die Idee kommen solle, ihm etwas zu geben. Einfach unglaublich diese Gastfreundschaft. Zum Abschied tauschen wir noch Fotos aus und machen uns um eine herzliche Erfahrung reicher auf den Weg nach Usbekistan. 

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