Mongolei

1.5. - 15.7.2014

Statistik Mongolei

  1. 76 Tage im Land
  2. 41 Nächte in Hotel
  3. 3 Nächte bei Privat
  4. 31 Nächte im Zelt
  5. 45 Tage im Sattel
  6. 2447 km / 20854 hm
  7. 8 Pannen

Bei den Rentiernomaden

Ein Knall reisst mich von der Holzpritsche in die Vertikale. Voller Entsetzen schaue ich mich um. Das Tipi steht noch. Nichts brennt, nur das Feuer lodert im Ofen. Unser Feuerzeug liegt zerfetzt am Boden. Es war offensichtlich nicht sehr clever von mir, es auf dem (inzwischen heissen) Ofenrohr liegen zu lassen. Als Marcel zurück kommt erzählt er mir, die Nomaden hätten wohl gerade ein Tier geschossen.​

Nun ja, so abwegig ist das nicht. Die Tsaaten beziehen fast alles Lebensnotwendige von den Rentieren und aus der Natur: Milch wird zu Käse, Haut zu Kleidung und Geweihe zu Werkzeugen und Souvenirs verarbeitet. Nebst der Wildjagd gehört auch das Sammeln von Beeren und Nüssen zu ihren Tätigkeiten. 5 bis 10 Mal pro Jahr packen sie ihr gesamtes Hab und Gut auf die Rentiere und ziehen da hin, wo es für ihre Tiere wieder genug zu Fressen gibt.​

Noch ungefähr 45 Familien pflegen im Norden der Mongolei, Nahe der Grenze zu Sibirien, diesen traditionellen Lebensstil. Um sie zu besuchen waren wir vier Tage lang zwischen vier und sieben Stunden auf dem Pferderücken durch die Taiga unterwegs. Ich kann mir absolut nicht erklären, wie ich mir so was früher freiwillig über Jahre antun konnte. Und dann noch mit Leidenschaft! Wobei, Leiden schafft es auch in diesen Tagen. Kein Ausritt in der Schweiz war annähernd so herausfordernd wie dieser hier: dichte Wälder, steile Berghänge, Hochgebirgspässe, Sumpf und Moorlandschaften, Flussüberquerungen, loses Geröll und Schneefelder, in denen unsere Pferde bis zum Bauch einsinken. Nicht nur die Gegend sondern auch das Wetter ist rau, und so erleben wir vier Jahreszeiten an einem Tag, inklusive Schneesturm und Hagel. Als wir am Abend jeweils unser Ziel erreichen, kann ich vor lauter Schmerzen im Kreuz und in den Knien die ersten paar Minuten kaum mehr gehen. Und bevor das Gefühl in den Beinen wieder halbwegs hergestellt ist, sitzen wir bereits im Tipi am Boden und müssen unsere Beine wieder zusammenfalten. So verlangt es die Etikette.​

​Die Strapazen lohnen sich aber auf jeden Fall. Die Gegend ist traumhaft schön und wir werden überall herzlich empfangen. Wir sind tief beeindruckt von der Lebensweise der Nomaden. Faszinierend, wie sie in dieser wilden Gegend fast selbstversorgend überleben können und wie sie im Winter die sibirische Kälte in den einfachen Tipis überstehen. Ein Camp besteht aus bis zu 13 Familien. Diese teilen sich tägliche oder saisonale Arbeiten und sind stark aufeinander angewiesen. Moderne Hilfsmittel wie solarbetriebene Satelitenschüsseln und Funksprechgeräte ermöglichen es ihnen, mit Schulen und Spitälern in Kontakt zu bleiben, ohne dabei ihr Nomadentum aufgeben zu müssen. Die Kinder geniessen gerade drei Monate Sommerferien. Sie sprühen richtig vor Lebensfreude und toben sich auf dem Abenteuerspielplatz der Taiga aus.

​Der Tourismus stellt eine Chance und gleichzeitig eine Gefahr für ihre Tradition dar. Es ist der Wunsch der Tsaaten, über diesen Wirtschaftszweig ein Einkommen zu erzielen. Früher konnten die Nomaden nicht von den Besuchern profitieren, da diese selbstversorgend unterwegs waren – dies obwohl die Tsaaten der Hauptgrund für eine Reise in die Region waren. Seit 2008 sollten alle Besuche in die Taiga über das Tsaatan Community and Visitor Center (TCVC) koordiniert werden. So wird sicher gestellt, dass die Gewinne der Gemeinschaft zu Gute kommen.

Trotzdem versuchen ein paar einzelne Familien, sich ausserhalb dieses Netzwerks ein Stück vom Tourismuskuchen abzuschneiden. Sie geben ihr traditionelles Leben auf und ziehen zum tiefer gelegenen Khövsgöl Nuur – dorthin, wo es im Sommer von Touristen wimmelt. Mit Souvenirverkauf, schamanistischen Ritualen und den fotogenen Tieren lässt sich eine Menge Geld verdienen. Dadurch nehmen sie in Kauf, dass ihre wichtigste Ressource – die Rentiere – erkranken oder sogar sterben. Denn die für die Tiere überlebenswichtigen Futterpflanzen wachsen nur in ihrem endemischen Lebensraum: in der Taiga. Wir sind froh, dass wir die Nomaden und ihre Tiere in ihrem natürlichen Umfeld erlebt haben. Auch wenn wir dafür ein paar Stunden auf die Zähne beissen mussten.​

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