Ruanda

21.9. - 13.10.14

Statistik Ruanda

  1. 22 Tage im Land
  2. 8 Nächte in Hotel
  3. 11 Nächte bei Privat
  4. 3 Nächte im Zelt
  5. 8 Tage im Sattel
  6. 571 km / 9073 hm
  7. Keine Pannen

Die Welt schaut zu

​Auf dem Weg nach Kigali statten wir dem Nyungwe Forest einen Besuch ab. Dies ist einer der grössten geschützten, sowie einer der ältesten Bergregenwälder in ganz Afrika. Er erstreckt sich über eine Fläche von 970 Quadratkilometer und ist Heimat von unzähligen seltenen Tieren. Zu Fuss machen wir uns mit unserem Guide Julius Cäsar auf, einen Wasserfall im Park zu erkunden. Doch ausser zwei Schlangen und ein paar Schmetterlingen sehen wir leider keine Tiere. Mit dem grossen Herrscher im Anmarsch würde ich als Tier auch das Weite suchen. Vielleicht liegt es aber eher an unseren Begleitern, als am ungewöhnlichen Namen unseres Guides. 6 Westler, welche in Nigeria arbeiten und auf einen Weekend-Retreat sind, begleiten uns. Wenn sie mal nicht gerade am Telefon hängen und ein Businessgespräch führen, dann beschallen sie den Regenwald mit lauter Musik. Alena und mir wird dies irgendwann zu viel und nach einem kurzen WC Stopp lassen wir uns hinter die Gruppe zurückfallen. Julius Cäsar bemerkt dies und meint entschuldigend: «People like to enjoy it differently».

Den Regenwald geniessen wir dann noch den ganzen nächsten Tag. Die Hauptstrasse führt in ständigem Auf und Ab mitten durch ihn hindurch. Sehr anstrengend, aber wunderschön. Das Ende der geschützten Fläche ist gut sichtbar: nackte Hänge und Teeplantagen. Gerade noch 15% der ursprünglichen Vegetation des ganzen Landes ist erhalten. Jeder mögliche Fleck wird bewirtschaftet. Wohin man auch sieht, überall hat es terrassierte und bestellte Hügel.​

​Kaum haben wir den Regenwald verlassen, öffnet der Himmel seine Schleusen. Unglaublich was für Wassermengen auf uns niederprasseln. Nach kurzer Zeit sind wir trotz Regenkleidung total durchnässt. Wie gut, dass wir in Gikongoro ein schönes Hotel mit heisser Dusche finden. Hier legen wir einen Tag Pause ein, um unsere Sachen zu trocknen. Die Zeit nutzen wir auch, um in Murambi eine Gedenkstätte an den Völkermord zu besuchen. In einem Schulgebäude suchten 50’000 Tutsis und moderate Hutus Zuflucht, um sich vor den Schlächtern zu schützen. Dies half nichts. Innerhalb von nur 7 Stunden wurden beinahe alle 50’000 Menschen bestialisch umgebracht und in Massengräber geworfen. 1’000 dieser Leichen wurden in Murambi exhumiert und konserviert. Sie haben ihre letzte Ruhe in den Räumen der Schule gefunden und sollen als Mahnmal dienen. Wenn man durch die Zimmer geht wird die Szene immer erschütternder. Der Gestank ist kaum auszuhalten und an manchen Leichen kann man gut erkennen, auf welch grausame Art sie hingerichtet wurden. Gespaltene Schädel und zertrümmerte Knochen, bei Erwachsenen sowie bei kleinsten Kindern. Ein unbeschreibliches Bild. Wie nur konnte es so weit kommen? Wir können uns noch gut an die schrecklichen Bilder von damals im Fernseher erinnern. Doch die ganzen Hintergründe haben wir damals nicht mitgekriegt. Hier half das Museum in Murambi sowie die Ausstellung an der Gedenkstätte in Kigali.

​Die belgischen Kolonialherren waren besessen davon, die Ruander in ethnische Gruppen zu unterteilen: Hutus, Tutsis und Twa. Grösse, Helligkeit der Haut, Breite der Nase und der Lippen waren Kriterien. Daneben bestimmte auch die Anzahl des Viehs über die Gruppenzugehörigkeit. Wer mehr als 10 Kühe besass war ein Tutsi, wer weniger besass ein Hutu. Diese Rassenzugehörigkeit wurde von den Belgiern auch in den Identitätspapieren vermerkt. Mit dieser Unterteilung legten sie den Grundstein für den Genozid viele Jahre später. Die Kolonialherren bevorzugten die Minderheit der Tutsis. Sie erhielten die guten Jobs und waren in die Regierung mit eingebunden — sehr zum Unmut der Hutus. Nachdem sich die Belgier aus Ruanda zurückzogen, gelangte die Hutu-Mehrheit an die Macht und rächte sich immer wieder an der Tutsi-Minderheit. Schon damals gab es zahlreiche Massenmorde und viele Tutsis flohen in die Nachbarländer. In Uganda entstand daraufhin unter der Führung des heutigen ruandischen Präsidenten Paul Kagame die sogenannte Rwandan Patriotic Front (RPF). Diese fiel 1990 ein erstes Mal in Ruanda ein. Belgien und Frankreich eilten der Hutu-Regierung zu Hilfe und drängten die RPF zurück nach Uganda. Es folgten weitere Massaker an Tutsis, was zu noch mehr Flüchtlingen in Uganda führte. Der ugandische Präsident Museveni unterstützte daraufhin die RPF mit Waffenlieferungen. Sein Ziel war, den bis zu 250’000 ruandischen Flüchtlingen in seinem Land die Möglichkeit zu verschaffen, in ihr Land zurückzukehren. Die Gestärkte RPF attackierte 1991 ein zweites Mal und gelangte bis 1993 kurz vor die Tore von Kigali. Es kam zu Friedensgesprächen und sogar zu einem Abkommen in Arusha, Tansania. Es wurden französische Soldaten nach Ruanda geflogen, um den Frieden zu sichern. Die Rolle dieser französischen Soldaten ist aber mittlerweile sehr umstritten. Sie wurden dabei beobachtet, wie sie Armeeangehörige der ruandischen Regierung sowie die Bürgerwehrgruppe Intarahamwe in Nahkampf ausbildeten. Zudem wurden Waffenlieferungen an die ruandische Armee getätigt, unter anderem eine Lieferung von 100’000 Macheten, der Hauptwaffe der Völkermörder.

Am 6. April 1994 wurde das Flugzeug vom ruandischen Präsidenten Habyarimana im Landeanflug auf Kigali niedergeschossen und stürzte ironischerweise in den Garten seines Palastes. Der Präsident war auf dem Rückweg von Friedensgesprächen in Arusha. Die Frage, wer das Flugzeug niedergeschossen hat, wird wohl für immer unbeantwortet bleiben. Die Hutus beschuldigten die RPF für den Abschuss. Was auf den Abschuss folgte war ein Abschlachten von unglaublichen Ausmass. Angetrieben durch Hasspropagande, welche über den von Hutu-Extremisten betrieben Radiosender Radio Television Libré des milles Collins verbreitet wurde, machten sich Mitglieder der ruandischen Armee sowie der Bürgerwehrgruppe Interahamwe daran, dem «Tutsi-Problem» ein Ende zu setzen. Ihr Ziel war es, alle Tutsis sowie moderaten Hutus umzubringen. Die Welt schaute dabei zu. Innerhalb von 100 Tagen starben zwischen 800’000 und 1.2 Millionen Menschen, 2 Millionen flüchteten, während im Westen darüber diskutiert wurde, was man tun könne und ob es sich nun um einen Völkermord handelt oder nicht. Die Schlächter waren vorwiegend mit Hacken und Macheten bewaffnet — es hätte wenig gebraucht sie zu stoppen. Belgien, welches ein Kontingent an UN-Blauhelmen in seinem ehemaligen Kolonialland stationiert hatte, zog seine Truppen ab, nachdem am 7. April zehn seiner Blauhelme ermordet wurden. Dies zeigt auf, dass der Völkermord von langer Hand geplant wurde, war der Abzug doch genau das Ziel, welches die Extremisten mit der Ermordung verfolgten. Es ermöglichte ihnen, das Abschlachten ungehindert auszuführen.​

Zum Thema gibt es zwei interessante und schockierende Filme, die wir beide sehr empfehlen: «Hotel Ruanda» sowie «Sometimes in April». Zu empfehlen ist auch das Buch von Roméo Dallaire mit dem Namen: «Handschlag mit dem Teufel». Dallaire war der Kommandant der während des Genozides in Ruanda stationierten UN-Truppen und im Buch beschreibt er den verzweifelten Kampf um Hilfe von Aussen sowie um Mittel, den Völkermord zu stoppen. Das Buch wurde verfilmt, doch den Film haben wir bis jetzt noch nicht gesehen.​

​Heutzutage dürfen die Bezeichnungen Hutu und Tutsi nicht mehr verwendet werden. Ihr Gebrauch in der Öffentlichkeit kann juristische Konsequenzen haben. Umso überraschter sind wir, als der Ruander Joseph in einem Restaurant von sich aus das Thema anschneidet. Seiner Frau scheint es dabei sichtlich unwohl zu sein. Sie sitzt unruhig mit ihrer Tochter Namens Peace neben uns und drängt schon bald darauf, nach Hause zu gehen. Doch Josef erzählt munter weiter. Alena fragt, ob den Freundschaften zwischen Hutus und Tutsis möglich seien. Er meint ja, aber diese seien nie tief. Man wisse nie ob einem der andere eines Tages umbringe. Er erzählt auch, dass im Moment ganz klar die Tutsis bevorzugt werden. Der ehemalige Rebellenführer und jetzige Präsident Paul Kagame wolle zwar offiziell nichts mehr von der Rassentrennung wissen, inoffiziell werden aber klar Tutsis bei der Jobvergabe, bei Stipendien und beim Hausbau bevorteilt. Wir können diese Aussagen nicht überprüfen, aber es zeigt auf, dass die Wunden nach wie vor tief liegen und in der jetzigen Generation nicht verheilen können.

In Kigali besuchen wir noch die Völkermord Gedenkstätte. Auf die Frage nach der Vergebung antwortet ein Mann, der seine gesamte Familie verloren hat, in einem Videointerview: «Ich glaube ich würde vergeben können und wollen. Aber wem? Solange ich nicht weiss, wer meine Familie umgebracht hat, wie kann ich dann vergeben?»​

Trotz dieser schrecklichen Vergangenheit gefällt es uns in Ruanda sehr gut und wir fühlen uns sicher. Wir beobachten auch einen sehr sanften und respektvollen Umgang zwischen den Ruandern. Es übersteigt unser Vorstellungsvermögen, dass diese Menschen zu solchen Gräueltaten in der Lage waren. Wir fragen uns oft, was für eine Position die Menschen, welchen wir begegnen, im Völkermord belegten. Haben sie Blut an den Händen? Haben sie geliebte Menschen verloren? Sind sie selbst knapp dem Tod entkommen? Es gibt wohl keinen Erwachsenen in diesem Land, der von dieser schrecklichen Zeit kein Trauma davon getragen hat. Schätzungen gehen davon aus, dass mindestens 90% der überlebenden Kinder mindestens einen grausamen Mord an einer ihnen bekannten Person mitansehen mussten. Immer wieder sehen wir Menschen mit grässlichen Narben auf dem Kopf, dem Gesicht und den Armen.​

​Nach dem Genozid sind viele Flüchtlinge nach Ruanda zurück gekehrt. Das Land platzt aus allen Nähten. Auch wenn wir auf den ersten Blick niemanden sehen — kaum halten wir an befinden wir uns mitten in einer Menschenmasse. Als wir an einem Sonntag kein Restaurant finden und selber kochen müssen, sind wir innert einer Minute von über 30 Kindern umzingelt. Sie lassen uns fast keinen Platz, so neugierig schauen sie zu wie ich unsere Suppe zubereite. Entspannte Pausen würden anders aussehen. Aber lustig war’s trotzdem.

Dutzende neugierige Kinder schauen uns beim Kochen zu

Der Genozid in Ruanda hatte weitreichende Folgen in der umliegenden Region. «Vom Völkermord zum Flächenbrand» ist ein Artikel, welcher im April 2014 in der NZZ erschien und die verschiedenen Konflikte innerhalb Ostafrikas in den Zusammenhang mit dem Völkermord bringt. Sehr lesenswert.

Kommentare

Mel 14. November 2014, um 10:15 Uhr

hallo alena und marcel,
habe das buch von dallaire seit jahren in meinem buechergestell… und mir jetzt gerade fest vorgenommen es als naechstes zu lesen… auch wenn es noch so schwere lektuere sein wird…
danke euch beiden fuer eure interessanten und eindruecklichen reiseberichte.
liebe gruesse und einen festen druecker an dich alena

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