Kambodscha

22.12.2013 - 22.1.2014

Statistik Kambodscha

  1. 31 Tage im Land
  2. 30 Nächte in Hotel
  3. Keine Nächte bei Privat
  4. 1 Nacht im Zelt
  5. 14 Tage im Sattel
  6. 1208 km / 3350 hm
  7. Keine Pannen

Gestrandet

​In Battambang gönnen wir uns einen Ruhetag, um unsere Kochkünste zu vertiefen. Vannak, der Besitzer des Smokin’ Pot Restaurants, nimmt uns und die anderen sechs Kochschüler mit auf den Markt, um die Zutaten für die zwei Gerichte Fisch Amok und Rind mit Ingwer zu kaufen. Nur schon diese knappe Stunde hat sich gelohnt. Besonders interessant ist für uns der Fischkauf: den lebenden Fischen wird eins über die Rübe gezogen, bevor sie gewogen und filetiert werden. Der ganze Boden ist mit Schuppen, Köpfen und Blut übersät. Ziemlich makaber und rabiat, aber frischer könnte der Fisch fast nicht sein. Das Kochen macht unglaublich Spass und das Essen ist fantastisch. Hoffentlich verlernen wir das nicht, bis wir wieder zu Hause sind!

Eigentlich wollten wir am nächsten Tag weiter, aber eine Erkältung und ein verstimmter Magen (nicht vom Kochkurs, wohlgemerkt) entziehen mir alle Kraft. Wir bleiben deshalb ein paar Tage länger und erholen uns für die Weiterfahrt. Schliesslich haben wir ja genügend Zeit - denken wir zu diesem Zeitpunkt noch.

Als wir endlich wieder los kommen, taucht bereits das nächste Problem auf. Ich schwitze nicht genügend! Ein Déjà-vue aus dem Iran und aus Zentralasien. Ja ja, ich weiss genau was ihr denkt: «Buaaah, die Glückliche, das sollte MIR mal passieren!» Aber ich sage euch, lustig ist das nicht. Denn ohne Schweiss keine Abkühlung, die ganze Hitze staut sich im Körper und der Kopf schwillt an. So sehr, dass ich sogar nach einer gewissen Zeit den Helm lockern muss. Tja, und bei erweiterten Gefässen in der Birne ist auch die Migräne nicht weit. Statt einer Nacht in Pursat bleiben wir sechs (!), da die Attacken ziemlich hartnäckig sind und wir erst wieder los wollen, wenn ich genügend bei Kräften bin. So hab ich das nicht gemeint, als ich mir neulich gewünscht habe, einfach mal wieder ein paar Tage nichts zu tun. Wir sind also gestrandet in einem Kaff ohne Sand, ohne Meer und ohne irgendwelche interessanten Beschäftigungsmöglichkeiten für Marcel. Das ist bestimmt die Strafe für seine Sticheleien: «Ist doch logisch schwitzt du nicht, du sitzt auch den ganzen Tag faul vorne drauf und lässt dich von mir um die Welt kutschieren!»

Nach einer Woche geht es endlich weiter, doch der Dämpfer kommt schon mit dem Mittagessen - die nächste Attacke legt mich flach. Das gleiche Spiel am Tag darauf. Ziemlich fertig erreichen wir Phnom Penh. Geplant wäre ein Ruhetag gewesen, doch schnell ist klar, dass ich am nächsten Tag nicht fit genug bin für die zwei Sachen, die wir in der Hauptstadt sehen wollen: das Folter- und Verhörzentrum S21 (eine ehemalige Schule) und die Killing Fields namens Choeung Euk. Nach einem Ruhetag bin ich wieder soweit auf den Beinen, dass ich mich mit der grässlichen Vergangenheit des Landes auseinander setzen mag.

Zwischen 1975 und 1979 haben die Roten Khmer unter der Führung von Pol Pot in ihrem Säuberungswahn über 2 Millionen Kambodschaner (30% der Einwohnerzahl) gefoltert und auf brutalste Art und Weise ermordet. 3 Jahre, 8 Monate und 20 Tage hielt der Schrecken an. Ihr Ziel war ein isolierter und komplett selbstversorgender Bauernstaat. Märkte, Schulen, Zeitungen, Religion und Privatbesitz wurden verboten, Erwachsene wie Kinder zu Feldarbeit gezwungen. Schätzungsweise 1.5 bis 3 Millionen Kambodschaner verhungerten oder arbeiteten sich zu Tode. Wer sich auch nur im Geringsten widersetzte, bezahlte mit dem Leben. Gebildete Leute wurden eliminiert. Als intellektuell galt schon wer weiche Hände hatte, eine Fremdsprache beherrschte oder eine Brille trug. Alle die älter sind als wir haben diesen Terror durchlebt. Wenn wir älteren Menschen begegnen frage ich mich oft, was sie und ihre Familien durchlitten haben. Und auch, wie es überhaupt so weit kommen konnte. Hier in Kambodscha, aber auch Genozide in Deutschland, Burundi, Ruanda und in anderen Ländern.

Dagegen wirkt mein Problemchen mit der Wärme und all die Sorgen, die man ein Leben lang mit sich rumschleppt, absolut mickrig. Trotzdem müssen wir uns überlegen, wie wir unter diesen Umständen unsere Reise in Kambodscha und in weiteren heissen Gegenden fortsetzen können. Per ÖV an den Strand und danach mit all unseren sieben Sachen im Bus nach Bangkok? Myanmar einen Monat mit dem Rucksack bereisen? Das passt uns alles nicht in den Kram, wir wollen es weiterhin mit dem Fahrrad versuchen.

Konkret heisst das: vor Sonnenaufgang los, lange Kleidung tragen (damit die Sonne die Haut nicht aufheizt und austrocknet) und jede Menge Wasserflaschen zum Trinken und Abkühlen mitschleppen. Etwa alle 10 Kilometer halten wir für eine Duschpause. An jedem Vormittag schütte ich mir 4.5 Liter über den Kopf, auf die Arme und über das Tuch, welches ich um den Nacken trage. Zudem trinken wir noch vor dem Mittag je 4 Liter Wasser. Dieses kommt bei Marcel in regelrechten Bächen wieder aus den Poren raus. Ich gebe es fast genau so ans Gestrüpp am Strassenrand weiter. Der dunkelhäutige Toni, meine erste Puppe, kommt mir in diesem Momenten in den Sinn. Dem konnte ich oben Wasser eingeben und unten kam es sofort wieder raus. Damals fand ich das ganz lustig.

Der Plan geht auf, wir bringen die Tagesetappen von 80 bis 100 Kilometern jeweils bis zum Mittagessen hinter uns und können uns während der heissesten Tageszeit erholen. Eine Freude ist Rad fahren unter diesen Umständen jedoch nicht. Die Pausen gleichen fast schon einem Boxenstopp - jede Sekunde zählt! So schnell wie möglich ans Ziel kommen, nur keine Zeit verlieren wenn es noch ein paar Grad kühler ist. So nimmt man sich auch keine Zeit für Fotos oder für Begegnungen unterwegs.

Zwei Tage nach Abfahrt in Phnom Penh kommt für uns ein ganz besonderer und sehnlichst erwarteter Moment: nach 12’683 Kilometern im Sattel sehen wir zum ersten Mal seit Istanbul das Meer. Wir haben den Golf von Thailand erreicht! Die Hühnerhaut rast einmal längs über den Körper. Eine Abkühlung bringt sie zwar nicht, aber schön ist’s trotzdem. Wir freuen uns, diesen Meilenstein mit den Schweizer Tourenfahrern Simi und Sämi geniessen zu dürfen. Zur Feier des Tages präsentiert sich der Himmel in allen Farben, und Fischerboote posieren ganz kitschig genau vor unserer Blickrichtung.

HIER wären wir gerne gestrandet. Aber unser Visa läuft bald aus, die geplanten Strandferien an der Küste Kambodschas sind leider ins Wasser gefallen. Für einen Tag am Meer reicht es aber dennoch. Wir tuckern auf die Rabbit Island und legen für einen Tag die Füsse hoch, bevor wir wieder in die Pedale treten. Thailand ruft!

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