Tansania

13.10. - 10.12.2014

Statistik Tansania

  1. 58 Tage im Land
  2. 41 Nächte in Hotel
  3. 8 Nächte bei Privat
  4. 9 Nächte im Zelt
  5. 23 Tage im Sattel
  6. 1755 km / 12035 hm
  7. 5 Pannen

Give me money!!

«Bini Gottfried Stutz e Kiosk, oder bini öpen e Bank». Die Zeilen des bekannten Liedes der Band «Rumpelstilz» kommen mir bei der Fahrt durch die ostafrikanischen Länder oft in den Sinn. Es vergeht kaum ein Tag, wo wir nicht nach Geld, Wasser oder Essen angebettelt werden. Wir sind auf unserer Reise schon durch viele arme Länder gefahren, aber so etwas wie hier in Afrika haben wir noch nirgends sonst erlebt. Halten wir irgendwo an, sind wir sofort von Menschen umzingelt. Soweit ja nichts Neues. Meistens kommt dann aber schon ziemlich bald die Forderung: «Give me money!» Oder noch schöner: «Give me MY money». Und zwar aus den Mündern von Gross und Klein, Dick und Dünn. Den Vogel abgeschossen hatte der Herr mit der dicken Wampe, der im Schatten eines Baumes rumhockte, uns die hohle Hand entgegenstreckte und nach seinem Geld rief.

Wir haben uns lange darüber Gedanken gemacht, wie wir in solchen Situation angemessen reagieren können. Am Anfang schüttelten wir einfach den Kopf und fuhren weiter. Dann kam die Zeit, wo wir zurückfragten, was wir denn als Gegenleistung für das Geld erhalten würden. Die Leute starrten uns jeweils irritiert an und wussten keine Antwort. Dass man für Geld etwas tun muss, scheint ihnen fremd zu sein. Mittlerweile sind wir leider schon so weit, dass wir unsere Stops so planen, dass möglichst keine Menschen in der Nähe sind und wir unsere Pausen in Ruhe geniessen können. Dies ist ziemlich frustrierend für uns. Gerade die Begegnungen mit der einheimischen Bevölkerung waren auf der bisherigen Reise ein absolutes Highlight. Doch hier in Ostafrika sieht dies anders aus und wir meiden den Kontakt mit der Bevölkerung bewusst und verpassen so wohl einige tolle Begegnungen. Für viele Afrikaner ist der Weisse eine wandelnde Geldbörse. Mittlerweile sind wir sogar überrascht, wenn eine Begegnung mit einem Einheimischen ohne die Frage nach Geld oder Lebensmittel über die Bühne geht. Wir bedauern es sehr, dass es so weit kam und fragten uns nach dem Grund.​

Oft fuhren wir an Dörfern vorbei, wo mit Tafeln darauf hingewiesen wurde, dass hier die Organisation XY ein Projekt finanziert hat. Auffallend war auch die Anzahl an teuren Geländewagen, welche uns überholten – oft mit Logos von bekannten Hilfsorganisationen. Da wir auch in nicht touristischen Gegenden permanent angebettelt wurden, vermuteten wir bald, dass die Frage nach Geld oder Lebensmittel im Zusammenhang mit diesen Hilfsprojekten steht und befassten uns etwas näher mit dem Thema. Den deutschen Dokumentarfilm «Süsses Gift» sowie das Buch «Afrika wird armregiert oder Wie man Afrika wirklich helfen kann» von Volker Seitz können wir euch sehr empfehlen. Auch sehr interessant ist der TED Talk von Andrew Mwenda: Aid for Africa? No thanks (Deutsche Untertitel können eingeblendet werden). Die folgenden Zahlen und Fakten stammen entweder aus dem Film, dem Buch oder beruhen auf eigenen Beobachtungen.​

Es kann gesagt werden, dass in Afrika eine Art Entwicklungshilfeindustrie entstand. So wurden seit der Unabhängigkeit von den Kolonialmächten vor mehr als 50 Jahren ingesamt über 1 Billion USD an Entwicklungshilfe nach Afrika geschickt. Trotzdem sank der Anteil des subsaharischen Afrikas am Welthandel von 9% im Jahre 1960 auf nun 1.6%. Da muss man sich schon fragen, was genau schief läuft. Auf der Suche nach Gründen wird man schnell bei den Regierungen fündig. Korruption ist in Afrika ein enormes Problem. Nur gerade acht von 54 Staaten in Afrika zählen zu demokratischen Ländern, in denen faire Wahlen durchgeführt werden und Regierungswechsel möglich geworden sind: Mali, Ghana, Benin, Südafrika, Namibia, Botswana, Lesotho und Mauritius. In vielen Ländern sind die Machthaber einzig und allein an sich selbst interessiert. Wie es dem Volk geht oder wie es um die Infrastruktur des Landes steht, ist ihnen egal. Mehr noch, es ist sogar in ihrem Interesse, das Volk arm zu halten – denn dies garantiert ihnen den Zufluss an Entwicklungshilfegeldern. Früher war die Bezeichnung «arm» für Afrikaner eine Beleidigung. Heute kämpfen Politiker dafür, dass sie als verschuldet gelten, damit sie die Hilfsgelder weiterhin erhalten. In Mali zum Beispiel stammen mehr als 50% des Nationaleinkommens von Entwicklungshilfe. In Äthiopien – wo übrigens 30 Länder Entwicklungshilfe leisten und miteinander konkurrieren – ist die Hungerhilfe inzwischen der zweitgrösste Wirtschaftszweig. Sie wächst schneller als die Landwirtschaft. Aussagen wie diese, welche eine Entwicklungshelferin in den Strassen von Maputo in Mosambik hörte, unterstreichen die Problematik: «Was ist das grösste Kapital Mosambiks? Es sind nicht der Boden oder die Rohstoffe oder die berühmten Langustenschwärme vor der Küste. Es ist die arme Bevölkerung, denn sie sorgt dafür, dass weiter Entwicklungshilfe ins Land fliesst.»

Die Hilfe muss die Menschen und nicht die Regime erreichen. Wenn die Entwicklungshilfe eingestellt würde, wären die politischen Eliten das erste Opfer, weil ihre Machstrukturen dadurch gesprengt werden. Ohne Hilfe würde die Regierung vom hungrigen Volk gestürzt. Man unterstützt im Prinzip Regime, die man besser zerfallen lassen sollte, weil niemand sie will und sie nichts bringen. Hier einige Beispiele, was sich die Machthaber in Afrika so erlauben:​

  • Denis Sassou Nguesso, damaliger Präsident der Afrikanischen Union, forderte 2006 in Paris an einer Konferenz neue Mittel für die Armen in Afrika. Nguesso hatte, wie bekannt geworden war, gerade für eine Woche in einem Hotel in New York 280’000 USD ausgegeben.
  • Der ehemalige Präsident (bis 2013) von Kenia, Mwai Kibaki, erwartet Entwicklungshilfe und genehmigt sich gleichzeitig ein Jahresgehalt von 427’900 USD. In Nigeria bekommt ein Senator jährlich sogar 1 Mio USD. Zum Vergleich: US Präsident Barack Obama verdient 400’000 USD.​
  • Kamerun ist ein Schwerpunkt deutscher Entwicklungshilfe und bekam alleine von Deutschland 1.4 Milliarden Schulden erlassen. Sein Präsident Paul Biya (seit 1982 im Amt) verbrachte im September 2009 mit dem «erforderlichen Personal» seinen Urlaub in Frankreich. Der dreiwöchige Aufenthalt in 43 Suiten und Zimmern kostete nach französischen Medienberichten 900’000 Euro.​
  • Würdenträger in Nigeria sollen seit der Unabhängigkeit im Jahre 1960 die unvorstellbare Summe von nahezu 500 Milliarden USD unterschlagen haben. Korruptionsfahnder fordern in zwei Fällen 139 bzw. 384 Milliarden USD von ehemaligen Präsidenten zurück.​
  • Die schwedische Zeitung Omvärlden berichtete im Oktober 2009, dass das World Food Program für eine Veranstaltung im Rahmen des G-8 Gipfels im Juli 2009 zu Werbezwecken arme afrikanische Kinder einfliegen liess, um sie durch die Ehefrauen von Politikern öffentlichkeitswirksam mit Sojamaisbrei zu füttern. Kosten der Veranstaltung: 500’000 USD.

​Afrikaner selbst sagen: Entwicklungshilfe ist in vielen Ländern nicht die Lösung, sondern das Problem. «Durch Dauerhilfe werden die Leute zu Bettlern. Es zerstört die eigenen Fähigkeiten. Afrikaner sind das einzige Volk, welches glaubt, dass ihre Entwicklung von anderen gemacht werden muss.» Diese Aussage stammt von einem afrikanischen Entwicklungshelfer, welcher in Deutschland Landwirtschaft studiert hat. Entwicklungshilfe ermutigt nicht zu eigenen Anstrengungen. Warum sollte ein Bauer hart auf dem Feld arbeiten und das Risiko von Dürre und Flut auf sich nehmen, wenn die Weissen kommen und Nahrungsmittel einfach so verteilen?

An vielen Orten in Afrika fuhren wir auf neusten Strassen mit perfektem Belag. Diese Strassen waren praktisch immer von irgend einer westlichen Nation oder einer Organisation bezahlt worden. Hinweistafeln kündeten dies jeweils gross an. Wir fragen uns, wie die Strassen wohl in ein paar Jahren aussehen werden? Die lokalen Regierungen nehmen wohl kaum Geld für den Unterhalt in die Hand. Irgendwann lässt sich schon wieder jemand finden, der für die Reparatur der Strasse bezahlt.

​In Afrika hat sich eine Art von «Entwicklungshilfe-Industrie» entwickelt, die längst zum Selbstläufer geworden ist. Es ist von keiner dieser Organisationen zu erwarten, dass sie sich freiwillig selbst abschaffen, obwohl das ja letztlich das Ergebnis sein sollte, wenn ihre Bemühungen erfolgreich sind. Allein für Deutschland arbeiten ca. 100’000 Menschen in der Entwicklungshilfe. Sie haben ein grosses Interesse daran, für den Rest des Arbeitslebens in der Entwicklungshilfe zu bleiben. Die Arbeitsplätze der Helfer hängen von der Fortsetzung der Hilfsprojekte ab.

​Aufgefallen ist uns auch die Anzahl an jugendlichen Reisenden, welche für ein Hilfsprojekt unterwegs waren. So gibt es Organisationen wie Camps Tanzania, welche für ein «geringes» Entgelt Einsätze für Jugendliche in Hilfsprojekten organisieren. Die Vorstellung, dass ich für meinen Hilfseinsatz in einem fremden Land bezahlen muss, widerstrebt mir völlig und ich frage mich, was solche Organisationen genau damit bezwecken. Ist ihr Ziel wirklich die Hilfe der lokalen Bevölkerung oder wird hier in die eigene Tasche gearbeitet? Dazu kommt noch, dass es meist junge Leute ohne jegliche Berufserfahrung sind, die in ihrem Heimatland aufgrund der fehlenden Qualifikation nie und nimmer in einer entsprechenden Einrichtung arbeiten dürften. Gerade in Uganda haben wir Aussagen gehört, die uns echt zu Denken gegeben haben. Das Projekt oder der Nutzen ihres Einsatzes war den jungen Erwachsenen mehr oder weniger egal. Aber es macht sich eben gut im Lebenslauf. Natürlich darf man nicht alle in den gleichen Topf werfen. Selbstverständlich gibt es auch viele Volontäre, die mit Herzblut, Überzeugung und besten Absichten bei der Sache sind. Die meisten sind sich dieser Problematik wohl gar nicht bewusst. Und es gibt auch Organisationen, welche die Auflage haben, dass das Projekt spätestens nach 2 Jahren selbsttragend sein muss.

Auch die Rolle der verschiedenen Religionen in Afrika ist für mich ein Thema, welches angesprochen werden muss. So sahen wir in praktisch jedem Dorf Werbetafeln für verschiedene Religionen. Sehr aktiv zum Beispiel die Zeugen Jehovas. Ein britisches Paar, welches wir in Uganda kennenlernten, erzählte uns von einem langjährigen Freund von ihnen. Dieser wechsle regelmässig seinen Namen. Mal sei er Mohamed, ein anderes Mal wieder Joseph. Wieso? Je nach Höhe der Unterstützung, welche er durch die beiden Religionen Islam oder Christentum erhält, wechselt er die Religionszugehörigkeit und damit auch seinen Namen.​

Der Tourismus ist sicherlich auch ein Grund, warum uns die Leute anbetteln. Auf dem Weg nach Arusha überholen oder kreuzen uns auf einer Strecke von 80 Kilometer eine unglaubliche Anzahl von 254 Safarifahrzeugen. Und dies notabene in der Nebensaison. Wer kann es da der einheimischen Bevölkerung verübeln, dass sie sich auch einen Teil des Kuchen abschneiden wollen? Eine Safari kostet extrem viel Geld und dies weiss die lokale Bevölkerung natürlich. Nicht gerade viel überlegen sich aber gewisse Touristen, welche Trinkgelder in unvorstellbarer Höhe verteilen. So beobachtet von den beiden Schweizern Christine und Stefan auf einem Schimpansen-Trekking in Ruanda. Das Trekking kostet 90 USD pro Person. Wenn dann ein amerikanisches Paar dem Guide ein Trinkgeld von 100 USD gibt, dann lässt dies jede Verhältnismässigkeit vermissen und vermittelt den Eindruck, dass das Geld im Westen nur so auf den Bäumen wächst.​

Auch die Rolle Chinas muss hinterfragt werden. Nicht erst in Afrika sahen wir häufig chinesische Bauarbeiter auf Strassen und sonstigen Baustellen. China hilft beim Aufbau der Infrastruktur, erwartet dagegen aber Öl, Holz, Wasser oder Mineralien. Zudem verteilt China munter Kredite an gerade entschuldete Länder und konkurrenziert dadurch die westliche Entwicklungshilfe. Hinzu kommt, das China keine Fachkräfte ausbildet. Alle höher qualifizierten Tätigkeiten werden in der Regel von chinesischen Arbeitern wahrgenommen, welche für die Projektdauer eingeflogen werden. So kommen wir sogar hier in Afrika in den Genuss der typischen chinesischen Geräuschkulisse.

Doch wie kann das Problem gelöst werden? Es sollte so wenig Geld wie möglich und nur so viel wie dringend nötig fliessen. Experten sind sich einig, dass ein Wachstum, welches in der Landwirtschaft ansetzt, rund viermal wirksamer beim Armutsabbau ist als Investitionen in andere Wirtschaftsbereiche. Warum? Die Landwirtschaft in Afrika ist – im Gegensatz zu Öl oder Gold – nicht durch eine kleine Elite zu beherrschen. Sie erzeugt bescheidenen Wohlstand in einer breiten Bevölkerungsschicht.

Zudem sollten die Ärmsten mit Mikrokrediten unterstützt werden und ihnen so der Aufbau einer eigenen Existenz ermöglicht werden. Eine wirkliche Hilfe zur Selbsthilfe. Das Geld landet nicht bei den korrupten Regimen, sondern zielt auf den wirtschaftlichen Erfolg der Allerärmsten, die damit eine Chance haben, ihrem Elend zu entkommen. Die Afrikaner haben einen enormen Lebensmut und Erfindungsgeist. Oft schon haben wir gestaunt über die einfachen, selbstgebastelten Spielsachen, mit welchen sich Kinder die Zeit vertreiben. Diese Fantasie heisst es zu nutzen.

Weiter müsste Schulbildung für alle frei zugänglich sein, insbesondere für Mädchen. In Afrika sind ganz klar die Frauen das starke Geschlecht, wenn es ums Arbeiten geht. Die Männer liegen oft faul in der Gegend rum, während die Frauen in den Feldern arbeiten, Wasser holen und sich um den Haushalt sowie die Kinder kümmern. Es gilt diese starken Frauen in die Geschäftswelt zu integrieren. Hillary Clinton sagte am 13. Juni 2011 in Addis Abeba vor der Afrikanischen Union: «Wenn alle afrikanischen Frauen, vom Kap bis Kairo sich entschlössen, eine Woche nicht zu arbeiten, dann würde die gesamte Wirtschaft des Kontinents wie ein Kartenhaus zusammenfallen.» Nachdem was wir bisher gesehen haben können wir ihr nur zustimmen.

Eine Schlüsselrolle im Kampf gegen die Armut müssen aber die afrikanischen Regierungen selbst übernehmen. So lange aber weiterhin korrupte Regime durch Hilfsgelder am Leben gehalten werden, ist ein Umdenken hier nur schwer vorstellbar. Ich frage mich, wie es dann in Afrika in 50 Jahren aussehen wird. Unvorstellbar, bei den explodierenden Bevölkerungszahlen auf diesem Kontinent. So lebten in Tansania 1961 nur gerade 8 Millionen Einwohner, heute sind es 45 Millionen und 2030 sollen es 80 Millionen sein. Die Länder werden sich ohne ein Umdenken in der Familienplanung definitiv nicht mehr ernähren können.

Das Beispiel Botswana zeigt, dass auch afrikanische Länder eine Entwicklung überwiegend aus eigener Kraft schaffen können. Botswana hat, über die letzen 30 Jahre gesehen, weltweit eines der grössten Wirtschaftswachstum hervorgebracht. Gründe sind neben den reichhaltigen Bodenschätzen (die sich auch in vielen anderen afrikanischen Staaten finden lassen) die Normierung von Eigentumsrechten, demokratische Strukturen, fehlende Preisabsprachen und eine moderate Steuerpolitik, die private Investitionen berechenbarer macht als in anderen afrikanischen Staaten. Hoffentlich schaffen es auch viele weitere afrikanische Staaten, sich aus eigener Kraft aus der Armuts- und Fremdhilfe-Falle zu befreien. Es ist den Menschen zu wünschen.

Kommentare

Marcel 05. Januar 2015, um 20:49 Uhr

Hallo Christina.
Besten Dank für den Tip, werde mir dies gerne mal anschauen.
Liebe Grüsse
Marcel

Andrea 20. Januar 2015, um 22:59 Uhr

Liebe alena,lieber Marcel
Danke für den interessanten Bericht und ich hoffe,es geht euch Beiden gut,was ich aber aus dem Bericht schon entnehme

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