Uganda

8.8. - 21.9.2014

Statistik Uganda

  1. 45 Tage im Land
  2. 19 Nächte in Hotel
  3. Keine Nächte bei Privat
  4. 26 Nächte im Zelt
  5. 16 Tage im Sattel
  6. 886 km / 10436 hm
  7. Keine Pannen

«One by one makes a step»

«Muzuuunguuuuu!!! How are you Muzungu!?!»

Die Kinder springen auf und ab und flattern vor lauter Aufregung mit den Armen, wenn sie uns Muzungus (Weisse) kommen sehen. Von überall her erklingen die hellen, jauchzenden Kinderstimmen. Sie rennen uns oft über mehrere Kilometer kreischend und lachend nach - barfuss auf steinigem Untergrund. Die Ausdauer und Geschwindigkeit ist jeweils bemerkenswert!

Sobald wir anhalten wirken wir wie in ein Magnet: innert Sekunden strömen aus allen Richtungen Menschen herbei und umzingeln uns. Wir werden fotografiert, ausgefragt, angefasst und angelacht. Mir fällt auf, dass hier die Zähne im Schnitt weisser und vor allem zahlreicher sind als diejenigen in asiatischen Mäulern. Auch sonst steht es hier generell mit der Hygiene um einiges besser als im Osten. An den meisten Orten gibt es Toilettenpapier, und in praktisch allen lokalen Restaurants steht ein Kanister und meist auch Seife bereit, um sich vor dem Essen die Hände zu waschen.

Nicht nur darüber sind wir erstaunt. Die erste Überraschung erleben wir gleich am ersten Tag nach unserer Ankunft. Auf der Suche nach Lebensmitteln kommen wir an der afrikanischen Variante unseres Kiosk vorbei, einem kleinen Bretterverschlag. Wir entscheiden uns, noch ein wenig weiter zu suchen - in der Hoffnung einen etwas grösseren Laden zu finden. Als wir den Nakumatt Supermarkt betreten, bringen wir vor lauter Staunen unsere Mäuler nicht mehr zu: der könnte gerade so gut bei uns in Europa stehen! Die Auswahl ist riesig. Nie hätten wir in Ostafrika mit so was gerechnet.

Auch in den ländlicheren Gegenden sind die Versorgungsmöglichkeiten fast paradiesisch. Mittags essen wir wenn möglich in kleinen lokalen Restaurants. Umgerechnet 2 Schweizer Franken bezahlen wir für zwei riesige Portionen. Meist gibt es eine Auswahl an Reis, Bohnen, Matoke (Kochbananen), Süsskartoffeln, Posho (Maisbrei) und Erdnusssauce. Sehr kalorienreich und lecker, genau was wir zum Radfahren brauchen. Finde zumindest ich. Marcel hängen die Kochbananen schon nach dem zweiten Tag zum Hals raus und ich habe den Teller endlich mal vor ihm leer geputzt.

Zum Selberkochen können wir uns unterwegs ebenfalls gut eindecken. Überall wird am Strassenrand Obst und Gemüse verkauft. Dieses ist meist schön in 1000-Schilling-Türmen aufgeschichtet, also 30 Rappen pro Gemüse- oder Früchteturm. Die leckeren Avocados haben es uns besonders angetan, wir können fast nicht genug davon kriegen. Als wir dem Manager des Virunga Hotels in Kisoro erzählen, dass wir bei uns zu Hause ein Vermögen für diese bezahlen und wir sie uns deshalb nur selten gönnen, will er uns bei der Abreise ein paar von seinem Baum mitgeben. «Aber nicht zu viele!» rufe ich ihm noch nach. «Not too many» grinst er verschmitzt und streckt uns eine Tüte mit 15 Avocados hin. Diese müssten nun noch zwei Wochen lang reifen und wir dürften sie nicht zu lange im Plastik lassen, damit sie nicht verfaulen. So schleppen wir nun ein paar Wochen lang zwei Kilogramm zusätzlich durch die hügelige Gegend. Die Geste rührt uns aber sehr und wir können es kaum erwarten, bis sie endlich weich sind.

Die extrem fruchtbare Erde und das günstige Klima in Uganda sind ein Segen für die Bevölkerung. Was in die Erde gesteckt wird wächst und kann bis zu dreimal jährlich geerntet werden. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass jeder Flecken Erde bewirtschaftet wird - mit der Konsequenz, dass nicht mehr viel Wald übrig ist. Das meiste bauen sie zum Eigengebrauch an, den Rest verkaufen die Bauern auf lokalen Märkten. Ein Teil wird auch exportiert, zusammen mit Kaffee, Tee, Vanille, Tabak, Schnittblumen, Baumwolle und Fisch. Immer wieder begegnen uns Menschen mit riesigen Lasten, die sie entweder auf Fahrrädern oder - teils freihändig - elegant auf dem Kopf balancieren: Kartoffeln, Teppiche, Tomaten, Wasserkanister, Zuckerrohr, Zwiebeln, Brennholz und darunter noch die Hacke, mit denen sie die Felder bearbeiten. Es sind fast ausschliesslich Frauen, die diese harte Arbeit verrichten. Viele von ihnen haben in einem bunt gemusterten Tuch ihr Baby auf den Rücken gewickelt, welches sie auch bei der Feldarbeit nicht ablegen. Die meisten grüssen uns erfreut wenn sie uns sehen und winken uns - trotz schwerer Last auf ihren Köpfen - freundlich zu. Teilweise müssen sie bis zu 6 Kilometer zu Fuss zurück legen, um Wasser zu holen. Was uns auffällt: trotz des harten Lebens scheinen die Menschen hier ausgesprochen fröhlich und gelassen zu sein. Wir hören sie immer wieder singen und lachen. Witzig ist auch, wie die Leute antworten, wenn wir sie grüssen. Eine typische Konversation:

Wir: «Hello!»
Antwort: «I’m fine!»

Oder:

Einheimischer: «How are you?»
Ich: «I’m fine, how are you?»
Einheimischer: «I’m fine, how are you?»
Ich: «I’m fine!»
Einheimischer: «I’m fine, how are you?»

Meist klingt es, als würden sie sich dabei die Nase zuhalten. Dies machen sie angeblich, um die Stimmlage zu erhöhen, damit sie wie Westler klingen. Die Aussprache unserer Heimatlandes kriegt aber schlicht niemand gebacken. Nun kommen wir eben aus Switzitzerland.

Je westlicher wir reisen desto touristischer wird es, und desto häufiger hören wir anstelle von Hello Muzungu den Spruch Give me money. Besonders schockiert sind wir, als wir einen etwa 10-jährigen Jungen freundlich grüssen und dieser uns zur Antwort gibt: «First you give me da money». Nicht nur Kindern betteln nach Geld, sondern auch Erwachsene. Das macht uns besonders wütend, sollten diese doch ein Vorbild sein für die Kleinen. Die Kinder fragen nicht nur nach Geld, sondern auch nach Kugelschreibern, Süssigkeiten oder ganzen Gepäcktaschen. Nach solchen Frustbegegnungen war diese Konversation mit einem Teenager, der hinter uns den Berg hinauf lief, äusserst erfrischend:

«This is perfect», meint der Junge und deutet dabei auf unser Fahrrad.
Marcel, keuchend: «Yes, but we are very slow because we are too heavy.»
«But you are moving.»
«That’s true.»
«One by one makes a step!»

Ich hätte ihn für seine unerwartet philosophische und süss formulierte Antwort umarmen können. Dies könnte genau unser Reisemoto sein. Pedalumdrehung um Pedalumdrehung, Meter um Meter kommen wir langsam vorwärts, bis wir eines Tages am Ziel sind. Und es trifft auch sehr schön auf dieses Land zu, welches sich nach Jahren voller Gewalt und Angst langsam wieder hochrappelt. Die jüngste Geschichte des Landes ist erschütternd und war uns vor unserem Besuch viel zu wenig bekannt:

Der Diktator Idi Amin hat nicht nur rund 300’000 Ugander auf dem Gewissen, sondern er hat zudem auch das einst florierendste Land Ostafrikas in den Ruin getrieben. Nachdem er 1971 zuerst die Regimegegner massakrieren liess, machte er anschliessend Jagd auf die Gebildeten des Landes: Universitätsprofessoren, Ärzte, Anwälte, Geschäftsleute, Kabinettsmitglieder - schlicht auf alle, die ihm gefährlich werden könnten. 70’000 Asiaten hatten 90 Tage Zeit, das Land zu verlassen. Uganda verfiel in Chaos, hielten doch die Inder und Pakistani quasi das Monopol auf Geschäften und auf dem Handel. Doch auch nach dem Fall Amins im April 1979 gab es für das Volk keinen Frieden. Die Soldaten aus Tanzania, welche das Land vom Diktator befreiten, holten sich mit Gewalt was sie wollten. Milton Obote, der ehemalige Premierminister, kämpfte sich langsam wieder an die Macht und richtete dabei mehr Schaden an, als dass er Stabilität schuf. 1985 wurde er von der Armee unter der Führung von Tito Okello gestürzt. Unterdessen ist die National Restistance Army (NRA) von einer Gruppe von 27 schnell auf etwa 20’000 angewachsen, indem vorwiegend verwaiste Teenager rekrutiert wurden. Unter der Führung von Yoweri Museveni wollten die NRA-Rebellen Polizei, Armee, Administration und Korruption aus dem Weg schaffen. Im Januar 1986 kapitulierte die staatliche Armee unter Okello und flüchtete über die nördliche Grenze in den Sudan. Friedensverträge wurden mit ehemaligen Guerillamitgliedern geschlossen, welche für Okello oder Obote kämpften. 300’000 Ugander kehrten aus dem Sudan nach Hause zurück. Fabriken, welche jahrelang stillgelegt waren, nahmen erneut den Betrieb auf. Strassen wurden repariert, die Felder wieder bestellt und die Infrastruktur der Nationalparks in Stand gesetzt. Kein Land in Afrika erlebte in den 1990-ern einen solchen wirtschaftlichen Aufschwung wie Uganda. Mitverantwortlich dafür war auch, dass die Asiaten wieder nach Uganda eingeladen wurden.

Das Volk konnte jedoch noch nicht aufatmen. Grund dafür war die letzte übrig gebliebenen Rebellengruppe namens Lord’s Resistance Army (LRA) unter der Führung von Joseph Kony. Dieser hatte sich zum Ziel gesetzt, eine Regierung zu bilden, die auf den Biblischen 10 Geboten aufbaut. Seine Vorgehensweise war jedoch alles andere als heilig: Folterungen, Verstümmelungen, Vergewaltigungen, Hinrichtungen. Über eine Million Menschen flohen aus dem Norden Ugandas in die speziell für interne Flüchtlinge aufgebauten Camps. Zehntausende Kinder gingen abends aus ihren Dörfern weg und brachten sich über Nacht in Schulen, Kirchen oder grösseren Dörfern in Sicherheit. Trotzdem wurden schätzungsweise 66’000 Kinder entführt, um sie als Soldaten und Sexsklaven einzusetzen. Viele wurden auch in den Sudan verschleppt, wo sie auf Sklavenmärkten an reiche Araber verkauft wurden, um mit dem Gewinn Waffen zu kaufen. Nicht zu fassen, dass dies vor weniger als 20 Jahren geschehen ist. Im Jahre 2008 hat Kony trotz seines Versprechen den Friedensvertrag nicht unterzeichnet. Die LRA hat stattdessen noch mehr Kinder verschleppt, um sie als Soldaten einzusetzen. Von den in den Sudan verschleppten Sklaven leben die meisten noch immer unter denselben grässlichen Umständen. Sie werden wie Tiere gehalten und untereinander gepaart, um weitere Sklaven zu produzieren. Wer versucht zu fliehen wird hingerichtet. Nur wenigen ist trotz durchgetrennten Achillessehnen die Flucht gelungen, nur wenige konnten freigekauft werden. Wer in diese Region reist oder sich für das Thema interessiert, dem empfehlen wir das Buch Nightmare Along the River Nile - A Story of Twentieth Century Slavery von S. E. Nelson. Es ist bewusst in einem einfachen Englisch geschrieben, damit es von möglichst vielen Menschen gelesen werden kann.

Trotz der turbulenten Vergangenheit ist Uganda heutzutage - mit Ausnahme des Nordosten des Landes - ein sicheres Reiseland. Es hat wohl noch einen langen Weg vor sich, bis es sich neben den grossen Nachbarn Kenia und Tansania als Reisedestination behaupten kann. Dabei ist Uganda unglaublich vielseitig und bietet auf kleinem Raum alles, was man sich in einem Urlaub wünschen kann: Freundliche Menschen, super touristische Infrastruktur, meist gut ausgebaute Teerstrassen, Rafting und weitere Abenteuersportarten, Savanne, Regenwald, ein paar sichere Badeseen, die weltweit höchste Dichte an Primaten, «The Big Five» und - als besonderer Höhepunkt - die Berggorillas. Hier zu reisen ist eine Freude! Was wir besonders toll finden: endlich können wir uns mit den Menschen unterhalten, da sehr viele Englisch sprechen. Wenn ihr das nächste Mal Ferienpläne schmiedet, dann denkt doch auch an Uganda. Denn in unseren Augen wird dieses Land zu Recht «Die Perle Afrikas» genannt.

Kommentare

Schirmis aus dem Spreewald 18. Oktober 2014, um 22:19 Uhr

Hallo Alena und Marcel,
Wenn wir eure Beiträge aus Afrika lesen werden wir ja so neidisch. So tolle Erlebnisse, die ihr dort schon hattet. Das könnte uns ja auch mal reizen, aber im Moment sind wir in unseren Jobs auch sehr zufrieden. Aber irgenwann ziehen auch wir wieder los.
Wir wünschen euch weiterhin so schöne Erlebnisse und viele Grüße aus dem herbstlichen Spreewald senden euch Kathrin und Frank

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