Mongolei

1.5. - 15.7.2014

Statistik Mongolei

  1. 76 Tage im Land
  2. 41 Nächte in Hotel
  3. 3 Nächte bei Privat
  4. 31 Nächte im Zelt
  5. 45 Tage im Sattel
  6. 2447 km / 20854 hm
  7. 8 Pannen

Tief berührt

«Fish!» Ganbat deutet in unserem OhneWörterBuch auf die entsprechende Zeichnung. Mit Händen und Füssen versucht er uns verständlich zu machen, dass er bald wieder bei uns sei. Mit einem Fisch. Und tatsächlich: 10 Minuten später überreicht uns der 15-jährige das selbst gefangene Exemplar. Die Innereien hat er bereits durch eine Frühlingszwiebel ersetzt.​

Das Mittagessen schmeckt köstlich und ist für uns eine regelrechte Motivationsspritze. Allein an diesem Morgen hatten wir fünf Platten zu beklagen, tags zuvor drei. Weit sind wir so in den letzten zwei Tagen nicht gekommen. Schuld an der Sache ist ein Felgenband von mieser Qualität, welches bei einem Service in China eingesetzt wurde. Dadurch hat es unsere beiden Schläuche für das Vorderrad der Länge nach immer mehr aufgerissen. Wir zweifeln in diesem Moment, die geplante Runde überhaupt fahren zu können. Unsere Sorgen schieben wir beim Essen aber zur Seite und wir geniessen die Zeit mit Ganbat in Bayanzürkh. Er verköstigt uns nicht nur, sondern er zeigt uns auch, wie wir uns hinter dem Fahrrad verstecken müssen, falls ein Wolf angreift.

Am Abend zelten wir an dem Fluss, den wir am Nachmittag fünf Mal kurz hintereinander überqueren mussten. Die Furten sind die Kehrseite des plötzlichen Wassersegens, doch diese nehmen wir gerne in Kauf. In den ersten fünf Wochen haben wir erstaunlich selten Wasser gefunden und mussten jeweils bis zu 12 Liter mitschleppen. Ein paar Mal mussten wir uns beim Kochen ein anderes Gericht einfallen lassen, bei dem wir weniger Wasser verbrauchten. Das Geschirr haben wir anschliessend mit WC-Papier gereinigt, da das Wasser sonst nicht mehr zum Trinken gereicht hätte. Viele Tage hintereinander mussten wir auf die dringend nötige Dusche verzichten. In solchen Zeiten wird einem wieder so richtig bewusst, wie kostbar Wasser ist. Und was für eine geniale Erfindung Feuchttücher sind. Heute aber fliesst das Wasser in Unmengen vor unserer Nase durch und wir werden endlich wieder richtig sauber.

Gerade rechtzeitig sind wir wieder angezogen, denn schon kommen die ersten neugierigen Besucher daher. Während wir kochen, treiben drei kleine Kinder eine Herde Ziegen über die Wiese. Scheu kommt das Mädchen kurz darauf wieder zurück und drückt uns je ein Stück Käse und etwas Brot in die Hand. Kaum haben wir fertig gegessen, erhalten wir Besuch von zwei Geschwistern im Teenageralter. Sie wohnen im Ger ganz in der Nähe und bringen uns zwei Flaschen Joghurt und Käse mit. Um zu zeigen, dass der Inhalt wirklich essbar ist, steckt sie ihre Zunge in die PET-Flasche und zieht sie weiss bedeckt wieder raus. Sie lacht über das ganze Gesicht und bricht gleich darauf erneut in einen heftigen Hustenanfall aus. Damit aber noch nicht genug für diesen Tag: Ein Hirte, der uns zuerst mit dem Pferd besucht hat, kommt später am Abend mit dem Motorrad zurück und überreicht uns eine Tüte mit getrocknetem Fleisch. Wir sind überwältigt!

Am nächsten Tag geht es gleich als erstes durch den eiskalten Fluss. Es soll nicht beim einzigen Mal bleiben: ganze 11 Mal müssen wir während den nächsten 12 Kilometer den gleichen Fluss überqueren. Dabei müssen wir jedes Mal die vorderen zwei «wasserdichten» Taschen abladen und rüber tragen, da deren Böden seit Kurzem zerlöchert sind. Einige Male müssen wir das ganze Gepäck separat über den Fluss tragen, da dieser zu tief und die Strömung zu stark ist. Wir kommen nur langsam und mühsam voran in diesen Tagen. Trotzdem finden wir es toll. Endlich sind wir mitten drin im Abenteuer, welches wir uns in Südostasien so herbeigesehnt haben.

Am selben Nachmittag erwartet uns bereits die nächste Überraschung: während der Fahrt werden wir von einer Familie abgefangen. Als sie uns kommen sehen, springen sie auf das Motorrad und preschen wild winkend über die Wiese zur Strasse. Wir schliessen die sympathische Familie vom ersten Moment an ins Herz und nehmen ihre Einladung zum Übernachten gerne an. Gleich nach unserer Ankunft beginnen die Frauen mit dem Melken der Yaks. Einen Melkschemel benutzen sie nicht. So müssen sie mit ihren traditionellen, schön verzierten Mänteln auf dem von Dung übersäten Boden knien. Am Morgen und Abend ist es auch im Sommer kalt und es ist uns ein Rätsel, wie sie bei noch kälteren Temperaturen diese Arbeit zwei Mal täglich ohne Handschuhe verrichten können. Während ich mit den Frauen bei den Yaks weile und eingeladen werde, alles mögliche zu fotografieren, wird Marcel vom einem der Söhne zum Ringen aufgefordert.

Kaum sitzen wir im Ger zieht ein heftiges Gewitter ganz nah über uns hinweg. Was für ein Glück, dass wir nicht in unserem Zelt sitzen und draussen kochen müssen! Die Familie verwöhnt uns mit frischer Yakmilch und literweise Milchtee. Nie haben wir die Mongolen pures Wasser trinken sehen, immer nur Tee, Milch oder Härteres. Vodka wird uns aber auch hier bei der zweiten Einladung nicht angeboten, worüber wir nicht unglücklich sind. Zum Abendessen gibt es frische Nudelsuppe mit Yakfleisch und einem Schuss Ketchup. Da in der Mongolei die Wenigsten eine Kühlmöglichkeit besitzen, wird das Fleisch luftgetrocknet. Vor dem Kochen wird es mit einem gewöhnlichen Hammer platt geschlagen und in Stücke geschnitten. Ja, zart wäre anders. Manchmal bleibt einem nur, das ganze Stück runter zu schlucken, da sich der Knorpel nicht verbeissen lässt. Beklagen wollen wir uns aber nicht, wir hatten in Sachen Fleisch enormes Glück. Es hätte jedes Mal auch alter Hammel sein können. Dies nämlich war vor der Reise in die Mongolei meine einzige Sorge.

Am nächsten Morgen giesst es noch immer in Strömen. Unser Gastgeber Uugantulga nimmt ein Blatt Papier, zeichnet eine Wolke mit Regentropfen, schreibt das Wort «rain» darunter und streicht die Skizze durch. So können wir auf keinen Fall weiter, wir sollen nochmals bei ihnen schlafen und warten bis es wieder schön ist. Dabei deutet er auf die Sonne, die er gemalt hat. Wir wollen der Familie nicht zur Last fallen, sind aber sehr gerührt über diese ehrlich gemeinte Einladung und sind froh, bei diesem Hundewetter ein Dach über dem Kopf zu haben.

Baasanjargal, die Mutter der zweijährigen Chagtsalmaa, ist gerade mal 20 Jahre alt. Sie schuftet von Sonnenaufgang bis um 23 Uhr abends und gönnt sich kaum eine Pause: Teigwaren, Joghurt und Käse herstellen, Brot backen, Melken, Milch abkochen, Tee und Essen zubereiten sowie all die Besucher bewirten, die immer wieder unangemeldet reinschneien. Teilweise ist das geräumige Ger mit Gästen gefüllt. Die bedingungslose Gastfreundschaft ist tief in der Tradition der Mongolen verwurzelt. Dies ermöglichte es Reisenden schon früher, weite Strecken zurückzulegen, ohne jemals Hunger zu leiden oder in der Kälte draussen schlafen zu müssen. Dabei wird nicht angeklopft, nein, man platzt einfach rein. Privatsphäre existiert schlicht überhaupt nicht.

Tags darauf zeigt sich endlich wieder die Sonne und wir machen uns bereit für die Abreise. Baasanjargal stellt extra Käse für uns her und packt zusätzlichen Proviant ein. Bei den Eltern im Ger nebenan werden wir mit einem zweiten Frühstück verwöhnt: die Mutter Munkhjargal dünstet Mehl mit viel Butter und Rosinen in einer grossen Pfanne auf offenem Feuer. Absolut köstlich und ein fantastischer Energiespender. Der Rest wird in eine Tüte gepackt – ebenfalls für unterwegs. Die Grossmutter, die wir an diesem Morgen zum ersten Mal sehen, drückt uns je 1’000 Tugrik – umgerechnet 50 Rappen – in die Hand. Wir sollen uns davon etwas zu essen und zu trinken kaufen. Tief berührt machen wir uns an das Beladen des Pinos, was sich niemand entgehen lassen will. Nur das Schlitzohr Chagtsalmaa nützt die Situation aus und macht sich hinter das hausgemachte Joghurt. Als ich nochmals in das Ger gehe, um zu sehen, ob wir nichts vergessen haben, grinst sie mir frech zu - die Hände stecken tief in der Schüssel und ihr Gesicht ist weiss verschmiert.

Zum Abschied drückt uns die 11-jährige Tsevelmaa eine Notiz in die Hände. Darauf steht in Mongolisch geschrieben: «Das nächste Mal wenn ihr hier seid müsst ihr drei bis fünf Nächte bleiben. Ich habe die Zeit mit euch genossen. Leider spreche ich eure Sprache nicht. Wenn ich eure Sprache spräche, könnten wir noch viel mehr miteinander reden.»

Die liebenswürdige Familie ist uns in kürzester Zeit ans Herz gewachsen und der Abschied fällt uns schwer. Es erfüllt uns mit Glück, dass wir in der Mongolei eine solche Gastfreundschaft erfahren durften. Nie hätten wir dies in solchem Ausmass erwartet, da wir im Vorfeld einige negative Geschichten über Vodka-Eskapaden und der daraus resultierenden Aggressivität gehört haben. Wie schön, dass wir das Land in einem ganz anderen Licht erlebt haben.

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