Turkmenistan

13.6. - 17.6.2013

Statistik Turkmenistan

  1. 4 Tage im Land
  2. 1 Nacht in Hotel
  3. 1 Nacht bei Privat
  4. 2 Nächte im Zelt
  5. 4 Tage im Sattel
  6. 377 km / 367 hm
  7. Keine Pannen

Zeiträuber

Es ist kurz vor 8 Uhr, als ein Tandemduo auf die iranische Grenze zurollt. Wir freuen uns riesig, gmeinsam mit den beiden Australiern Kat und Alex durch Turkmenistan zu reisen. Das hätten wir uns nicht träumen lassen, dass zwei Radreisende genau die gleichen 5 Tage wie wir für die Durchreise gewählt haben. Vor allem weil wir im Iran mit einer Ausnahme keine weiteren Radreisende gesehen haben.Die Ausreise verläuft fast ohne Zwischenfälle. Ein Zollbeamter meint, er müsse Kat auf den letzten Metern noch zurechtweisen, weil ihr Oberteil den Po nur halb verdeckt. Die langen Kleider hat sie beim Hilfswerk Roter Halbmond gelassen. Ein Iraner, der ebenfalls ansteht und sich über sein Verhalten empört, zeigt ihm unbemerkt den Vogel. Nach 1 Stunde Warterei sind wir durch.

Auf der turkmenischen Seite müssen wir als erstes dem Arzt im weissen Kittel einen Besuch abstatten. Der macht jedoch nichts anderes, als Daten aus dem Pass von Hand in ein dickes Buch zu übertragen. Er fragt uns nicht mal, ob wir gesund seien. Als er sieht, dass wir Schweizer sind, meint er strahlend “Roger Federer!”. Das Eis ist gebrochen. “Australia… hmm… penguin? Oh, no… kanguruh!”. Auch im anderen Raum scheint anfangs alles gut voran zu gehen. Marcel punktet mit ein paar Russischwörtern, die Pässe werden hin und her geschoben. Das Spiel wiederholt sich ein paar Mal und wir beginnen zu zweifeln, ob wir hier tatsächlich bald durch sind. Nach einer Weile kommt ein weiterer Polizist in Zivilkleidung dazu und fragt, wie lange wir schon warten. Schon zwei Stunden? Wir wundern uns auch. Er fragt nach und meint, es müsse noch ein Telefonanruf aus Ashgabat abgewartet werden. Es vergehen weitere Stunden. Immerhin haben wir beste Unterhaltung: ein Laster fällt mit dem linken Vorderrad in die Inspektionssgrube und versucht während 2 Stunden, sich aus der misslichen Lage zu befreien. Inzwischen geniessen die Beamtem ihre Mittagspause, wir müssen uns weiter gedulden. Wir haben weder ein Picknick dabei noch dürfen wir auf dem Zollgelände unsere Benzinkocher benutzen. Alles was uns bleibt sind ein paar Kerne, Nüsse, Trockenobst und je 2 Kekse. Umso schöner ist die Überraschung, als uns der Polizist eine Tüte voller vegetarische Samsas hinstreckt - leckere Teigtaschen gefüllt mit Kartoffeln. Nach 5.5 Stunden müssen wir das gesamte Gepäck abladen und durch den Scanner schicken, danach wird jede einzelne Tasche durchwühlt. Ob wir Pistolen dabei hätten? Natürlich nicht. Unsere Pfeffersprays bleiben zum Glück unentdeckt. Nach 6 Stunden dürfen wir unsere Räder endlich wieder beladen.

Nachdem uns an der Grenze fast ein voller Tag geklaut wurde, bleiben uns noch gut 4 Tage, um unser erstes Stan-Land zu durchqueren. Längere Visa sind nur möglich, wenn man gewillt ist, für viel Geld mit einem Aufpasser zu reisen. Kein Wunder verschlägt es pro Jahr nur rund 8000 Touristen hierher, die Hälfte davon aus benachbarten Ländern. Turkmenistan ist eines der abgeschottensten Länder der Welt. Von 1991 bis 2006 wurde es von Saparmyrat Nyýazow diktatorisch geführt, bis dieser mit 66 Jahren an einem Herzinfarkt starb. Sein Personenkult ging so weit, dass er eine Menge goldener Statuen von sich und seinen Eltern errichten liess, sein Buch Ruhnama zur offiziellen Pflichtlektüre jedes Turkmenen erklärte und er sich “Turkmenbashi”, Führer der Turkmenen, nannte. Sein Slogan “Halk, Watan, Turkmenbaşi” - “Volk, Nation, Führer” - ruft Erinnerungen an einen anderen Grössenwahnsinnigen wach. Das Land besitzt enorme Erdgas- und Erdölreserven. Aber auch unter der neuen Regierung fliesst der Gewinn nicht dorthin, wo er dringend benötigt würde: in die Infrastruktur und das Bildungswesen.

Wir wissen, dass es in dieser kurzen Zeit schwierig sein wird, die 480 Kilometer per Rad zu bewältigen. Turkmenistan ist das heisseste Land Zentralasiens und besteht nahezu aus 95 Prozent Wüste. Ausserdem bläst meist ein starker Wind, welcher immer aus der gleichen Richtung kommt. Für uns leider genau aus der falschen. Es hängt allein von der Stärke des Windes ab, ob wir es schaffen werden.

Als wir endlich unsere ersten Meter auf zentralasiatischem Boden fahren dürfen, ist es Mitten am Nachmittag und 45 Grad heiss. Der Wind bläst uns kräftig entgegen. Wir fahren bis ins nächste Dorf, kaufen etwas zu essen und warten, bis die Hitze etwas nachlässt. Wir freuen uns, wieder einen Dorfladen anzutreffen. Im Iran haben wir so etwas nicht gefunden, es gab nur eine Art Kiosk, welcher von unten bis oben mit Artikeln vollgestopft war. Abends um 18 Uhr schwingen wir uns aufs Rad und legen los. Der Wind lässt immer mehr nach, bis es praktisch windstill wird. Windstill! Das wollen wir ausnutzen und fahren weit in die Dunkelheit rein, um einen Teil der verlorenen Stunden wieder aufzuholen. Die Hoffnung steigt, dass wir es doch noch schaffen könnten. Trotz miserabler Strassen wird es eine wunderschöne Sonnenuntergangsfahrt in menschenleerer Gegend. Es macht grosse Freude, wieder in Gesellschaft zu radeln. Gegen 22 Uhr schlagen wir unsere Zelte auf einem Acker auf und kochen inmitten agressiver Mückenschwärme ein schnelles Abendessen. Das erste Bier nach über einem Monat muss noch etwas auf sich warten lassen.

Nach dem Frust am Zoll kommt am nächsten Tag der nächste Dämpfer: Kats Knie macht nicht mehr mit. Nach mehreren Pausen ist klar, dass sie so nicht mehr weiterfahren kann. Wir überlegen hin und her, ob wir mit ihnen eine Nacht im Hotel in Hauz-Han bleiben und am nächsten Tag per Anhalter nach Turkmenabat fahren sollen, oder ob wir die restliche Strecke alleine in Angriff nehmen. Die Herausforderung reizt uns zu sehr und wir wollen es trotz erneutem Zeitverlust versuchen. Die Aussicht, dass wir unsere liebgewonnenen Reisebegleiter in Bukhara wiedersehen werden, erleichtert uns die Entscheidung.

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